Muss man eigentlich alles sagen, was man denkt?!

– Das darf ich mir nicht gefallen lassen!

– Wenn ich jetzt nichts sage, dann platze ich!

– Das ist ja unmöglich, ich glaube, die spinnen…!

Unser Mindset steuert ja unser Verhalten. Zumindest ist das das, was ich glaube und was ich in meinen Coachings und Beratungen auch immer wieder anspreche.

Es kann also gut sein, dass uns irgendetwas wirklich auf die Palme bringt. Ganz nach oben! Es kann sein, dass wir im Job etwas erleben, was uns fürchterlich ärgerlich macht. Es kann sein, dass wir einfach nur in einer Facebookgruppe etwas lesen, was uns absolut gegen den Strich geht. Gegen unsere Werte. Gegen unsere Bedürfnisse. Und für die wollen wir ja einstehen, oder? Also müssen wir doch sofort den Mund aufmachen und unser Veto einlegen, nicht wahr?!

Warum ich glaube, dass diese Annahme nicht immer hilfreich ist und dass wir, auch wenn wir es ganz anders handhaben, trotzdem authentisch, also noch ganz echt rüber kommen können, kannst du in diesem Beitrag lesen.

Vor einiger Zeit habe ich ein Video einer Trainer-Kollegin geschaut und war geschockt: Sie hat ihren Zuschauern empfohlen, im Business auf gar keinen Fall zu jedem Zeitpunkt authentisch zu sein. Ich dachte mir: was ist das? Wenn wir im Job nicht authentisch sein können, dann sind wir vollkommen verbogen (und verloren)! Authentizität um jeden Preis, oder etwa nicht?!

Heute glaube ich übrigens, dass diese Trainerin uns etwas anderes sagen wollte und es vielleicht nicht so gut auf den Punkt gebracht hat.

Wir können authentisch sein und trotzdem darauf achten ob, wann und wie wir etwas rüberbringen. Was will ich damit sagen?

Wenn dir etwas gegen den Strich geht, wenn dir dein Chef, dein Kollege dein Partner in irgendeiner Art und Weise so begegnet, dass dir daran etwas nicht passt, dann gehen deine Emotionen ganz schnell unter die Decke. Du spürst Wut, Ärger, vielleicht sogar Zorn oder Hass-Gefühle. Und mit diesen Gefühlen ist eine ganz bestimmte Energie verbunden. Eine Energie, von der du dich mobilisieren lassen willst, um für deine Bedürfnisse einzutreten. Allerdings werden mit diesen Emotionen auch gleichzeitig Hormone ausgeschüttet die eigentlich dazu gedacht sind, den Säbelzahn-Tiger, der gerade auf dich zuläuft, in die Falle zu locken, zu überwältigen oder dazu, doch lieber das Weite zu suchen. Dieser emotionale Schub dient allerdings in keinster Weise dazu, etwas anzusprechen, was dann im zweiten Schritt vom Gegenüber auch ernst genommen wird…

Das ist dir egal?! Was raus muss, muss raus? Das ist übrigens auch so ein Mindset, was sich lohnt, doch mal hinterfragt zu werden. Zumindest, wenn du mit deiner Meinung nicht an einer Wand abprallen möchtest.

Wenn du also gerade mutig gelernt hast, jetzt endlich für das einzustehen, was dir wichtig ist (und du vielleicht so eine Art Rebellionsphase durchlebst: ich darf nicht schweigen! Ich muss etwas sagen!), dann überlege noch einmal folgende zwei Aspekte:

1. Worum geht es mir wirklich?

Oft hängen wir mit unseren Gedanken noch in unseren Vorwürfen fest. Wir fokussieren uns auf das, was beim anderen unmöglich ist und was uns wirklich am anderen ärgert. Es lohnt sich immer mal kurz zu reflektieren, was die ganze Sache eigentlich mit mir selbst zu tun hat. Welche Werte und Bedürfnisse sind in dem Fall nicht gesehen. Was ist mein eigentliches Problem dahinter? Wenn ich das weiß, dann kann ich auf eine ganz andere Art und Weise die Dinge ansprechen. Ich kann raus aus den Vorwürfen und den Vorurteilen rein in eine verbinde Kommunikation kommen, die Klarheit schafft und bei dem andern die Ohren offen hält.

2. Wann genau ist der richtige Zeitpunkt?

So oft glauben wir, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist, die Sache anzusprechen. Jetzt oder nie heißt die Devise! Sonst ist das Ganze ja nicht mehr so brandaktuell und mein Ärger viel zu klein, um mich für die Sache stark zu machen! (Achtung: schon wieder eine Mindsetfalle. Du brauchst den Ärger nicht um die stark zu machen.) Es ist hilfreich, wenn du dein Gegenübers fragst, ob es jetzt offen ist für eine Rückmeldung. Warte den richtigen Zeitpunkt ab. Es ist nicht hilfreich, wenn wir anderen ungefragt unsere Meinung überstülpen. Sie sind nicht offen. Und ihre Ohren auch nicht. Wieder läufst du mit deinen Worten voll vor die Wand. D.h. du wirst nicht gehört, nicht respektiert und gar nicht ernst genommen. Schade. Wenn du also wirklich in der Kommunikation mit deinem Anliegen (und ich glaube, dass es bestimmt wichtige Anliegen in dir gibt) gehört und ernst genommen werden willst, dann checke, wann dein Gesprächspartner bereit für deine Rückmeldung ist.

Während du reflektierst und du dir Klarheit verschafft, worum es dir wirklich geht UND Während du checkst, wann der richtige Zeitpunkt für dein Gegenüber ist, kannst du trotzdem klar und authentisch bleiben. Du brauchst dich innerlich nicht zu verbiegen und äußerlich auch nicht. Fakt ist jedoch, du wirst aus einer ganz anderen Präsenz heraus handeln und Rückmeldung geben, die nicht mehr von Ärger, Wut und Groll geprägt sind. Das gibt dir eine viel bessere Energie und eine viel effizientere Kommunikation im Miteinander. Probier es mal aus! Viel Erfolg damit! Herzlichst, deine Claudia